Zen-Meister

Bodhidharma

Der 28. Patriarch nach Shakyamuni Buddha war Bodhidharma. Er stammte aus Südindien, aus der Gegend von Madras. Im Jahre 480 (nach einer anderen Überlieferung 520) fuhr er mit dem Schiff nach Südchina. Nachdem Bodhidharma in der heutigen Hafenstadt Kanton angekommen war, reiste er auf Einladung des chinesischen Kaisers Wu nach Nanking. Der Kaiser fragte ihn, welche Verdienste er sich durch das Studium des Dharma für seine späteren Leben erworben hätte. Bodhidharma antwortete ihm: „Keine Verdienste.“


Daraufhin fragte ihn der Kaiser nach dem Kern der buddhistischen Lehre: „Was ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit?“ Bodhidharma erwiderte: „Leere Weite – keine Spur von Heiligkeit!“ Nun wurde er vom Kaiser gefragt: „Wer ist das Uns gegenüber?“, worauf er die Antwort erhielt: „Ich weiss es nicht.“ – Damit hatte ihm Bodhidharma durchaus den Kern seiner Lehre offenbart, doch der Kaiser konnte ihn nicht verstehen.

Daraufhin wanderte Bhodidharma über den Himalaya nach Nordchina. Nach verschiedenen Aufenthalten liess er sich im Shaolin-Kloster in der Provinz Henan nieder und begann, neun Jahre lang Zazen, das Sitzen in innerer Versenkung, zu üben. Bodhidharma wurde der 1. Patriarch des Zen (chinesisch: Chan) in China. Sein Nachfolger war Hui-ko.

Hui-neng

Die Form der Meditation, wie sie Bodhidharma praktizierte und lehrte, beruhte noch stark auf den Sutren des Mahayana-Buddhismus, des „Großen Fahrzeugs“. Das chinesische Zen („Chan“) entstand erst aus der Verschmelzung des Dhyana-Buddhismus, wie er von Bodhidharma gelehrt wurde, mit dem bodenständigen chinesischen Taoismus. Diese neue Form des Zen entwickelte sich mit dem 6. Patriarchen des Zen in China, Hui-neng, und den nach ihm folgenden bedeutenden Zenmeistern der Tang-Zeit.

Hui-neng wird als der eigentliche Vater des chinesischen Zen angesehen. Er hat das Patriarchat nie in aller Form an einen Nachfolger weitergegeben, und man sagt, dass es aus diesem Grunde erloschen wäre. Jedoch hatte Hui-neng eine ganze Reihe von Meisterschülern und Dharma-Nachfolgern. Auf zwei seiner Schüler gehen alle großen Übertragungslinien des chinesischen Zen zurück. Hui-neng stammte aus ärmlichen Verhältnissen, hatte eine sehr mangelhafte Schulbildung und half seiner verwitweten Mutter durch Sammeln und den Verkauf von Brennholz. Eines Tages hörte er einen Mann das Diamant-Sutra rezitieren. Bei dem Satz: „Lass deinen Geist frei fliessen, ohne bei irgend etwas zu verweilen“, widerfuhr ihm blitzartige Erleuchtung. Als er von dem Mann erfuhr, dass dieser von dem Zenmeister Hung-jen kam, beschloss er, ihn aufzusuchen. Dieser erkannte seine Begabung und liess ihn zunächst als Gehilfe in der Küche des Klosters arbeiten, wo er Feuerholz spaltete und die Reismühle trat. Eines Tages spürte der 5. Patriarch, Hung-jen, dass die Zeit gekommen war, einen Nachfolger zu finden. Er forderte die Mönche seines Klosters auf, ein Gedicht als Ausdruck ihrer Zen-Erfahrung zu verfassen. Doch lediglich ein von allen hochgeschätzter Mönch schrieb ein solches Gedicht folgenden Inhalts:

„Der Leib, das ist der Bodhi-Baum,
der Geist, er gleicht dem klaren Ständer-Spiegel.
Wisch ihn denn immer wieder rein,
lass keinen Staub sich darauf sammeln.“

Als der in der Küche arbeitende Hui-neng von diesem Vers hörte, verfasste auch er ein Gedicht mit dem folgenden Text:

„Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum,
noch gibt es Spiegel und Gestell.
Da ist ursprünglich kein (einziges) Ding –
wo heftete sich Staub denn hin?“

Hung-jen erkannte sofort, dass sich in dem Vers von Hui-neng eine weitaus größere Tiefe der Erfahrung als in dem Gedicht von Shen-hsiu ausdrückte. Er fürchtete jedoch die Eifersucht Shen-hsius und die Missgunst der anderen Mönche, ging in der Nacht zu Hui-neng und übergab ihm Gewand und Schale als Bestätigung seiner Erleuchtung. Damit setzte er Hui-neng, der im Gegensatz zu Shen-hsiu nicht nach diesem Auftrag strebte, als 6. Patriarchen ein. Wohl wissend um die Schwierigkeiten, die dadurch entstehen würden, trug er ihm auf, das Kloster zu verlassen und in den Süden Chinas zu gehen, damit ihm niemand Schaden zufügen konnte.

Hui-neng begann jedoch erst nach weiteren 15 Jahren als Zenmeister zu wirken und begründete damit die Südliche Schule des Zen, aus dem alle großen Schulen des Zen in China hervorgingen. Shen-hsiu und seine Schüler propagierten dagegen eine „Nördliche Schule“, indem sie die Ansicht vertraten, dass man sich der Erleuchtung allmählich durch die intellektuelle Durchdringung der Sutras annähern könne. Die „Südliche Schule“ betont hingegen, dass die Erleuchtung sozusagen blitzartig zu erlangen sei durch die Erfahrung der Transzendierung des Intellekts, indem alle gedanklichen Vorstellungen intuitiv überstiegen werden.

Huang-po

Einer der größten chinesischen Meister des Zen war Huang-po (9. Jh.). Bereits mit jungen Jahren ging er aus seinem Elternhaus fort, um als Mönch in ein Kloster auf dem Berge Huang-po unweit seines Heimatortes einzutreten. Eines Tages hörte er vom Meister Matsu, und er beschloss, ihn aufzusuchen. Doch als er zu dessen Kloster kam, erfuhr er, dass Matsu bereits gestorben war. Dennoch blieb er in dem Kloster und wurde Schüler von dessen Dharma-Nachfolger Pai-chang. Von Huang-po und Pai-chang gibt es die folgende Geschichte, die uns viel über das Wesen des Zen aussagen kann:

Eines Tages fragte Pai-cheng Huang-po, wo er gewesen sei. Huang-po berichtete ihm, dass er am Berge Ta-hsiung Pilze gesammelt hätte, worauf Pai-cheng ihn fragte, ob er dabei auch einen Tiger gesehen habe. Sofort brüllte Huang-po wie ein Tiger. Pai-cheng ergriff eine Axt und hob sie hoch, als wolle er den Tiger erschlagen. Daraufhin gab ihm Huang-po eine Ohrfeige. Jemand, der nichts vom Wesen des Zen verstanden hätte, wäre darüber beleidigt gewesen, doch Pai-cheng lachte darüber herzlich. Anschliessend verkündete Pai-cheng den Mönchen des Klosters: „Am Fuß des Ta-hsiung-Berges gibt es einen Tiger. Ihr solltet euch in acht nehmen; mich hat er heute schon gebissen.“ Damit bestätigte Pai-chang Huang-po als dessen Dharma-Nachfolger. Danach lebte Huang-po eine Zeitlang im Kloster von Nanch’üan P’u-yüan (jap. Nansen Fugan), um dann in das Ta-an-Kloster in Hung-chou zu gehen. Der Premierminister P’ei Hsiu, einer seiner Schüler, liess für Huang-po ein großes Zen-Kloster bauen. Huang-po liess sich in diesem Kloster nieder und benannte es nach dem Berg Huang-po, an dem er als junger Mönch gelebt hatte. Dieser Name ging dann schliesslich auf ihn selber über.

Lin-chi

Unter den Schülern Huang-po’s befand sich auch ein junger Mönch namens Lin-chi. Er war bereits als Knabe in ein buddhistisches Kloster eingetreten und widmete sich dem Studium der Vinaya-Schule und der Sutras. Als er Anfang Zwanzig war, verliess er das Kloster, um den tieferen Sinn der Schriften durch eigene Erfahrung zu ergründen. So gelangte er schliesslich in das Kloster von Huang-po. Bei ihm erlebte er verschiedene Erfahrungen, die dann zu seiner Erleuchtung führten. Er blieb zunächst weiter bei Huang-po und kehrte danach in den Norden Chinas zurück, wo er sich schliesslich im Kloster Lin-chi niederliess, dessen Namen auf ihn überging. Er begründete die nach ihm benannte Lin-chi-Schule des Zen, auf japanisch Rinzai. Sie stellte die einflussreichste und vitalste aller buddhistischen Schulen in China dar. Ehe die Rinzai-Schule in China nach dem 12. Jahrhundert allmählich ihren Niedergang erlebte, gelangte sie nach Japan, wo sie neben der Soto-Schule zu den noch heute lebendigen Schulen gehört.

Die Rinzai-Linie vertritt den Kanna-Zen, bei dem es um das Betrachten der Worte geht, wobei das Koan als wichtigstes Mittel zum Erlangen des Satori gilt. Ein Koan ist kein Rätsel, das mit dem Verstand lösbar ist, sondern es setzt ein Transzendieren des logischen, begrifflichen Verstehens voraus. Die Praxis der Soto-Schule wird auch als Mokusho-Zen bezeichnet; es ist das Zen der schweigenden Erleuchtung. Doch auch in der Soto-Praxis werden Koans eingesetzt, so wie die Rinzai-Schule auch immer Elemente des Mokusho-Zen enthält. Jemand verglich einmal die Rinzai-und die Soto-Schule mit dem folgenden bildhaften Vergleich: Die Praxis des Rinzai gleicht einem General, der seine Truppen in die Schlacht führt. Die Praxis der Soto-Schule gleicht einem Bauern, der jedes Pflänzlein einzeln zieht.

Dogen

Der japanische Zenmeister Dogen Zenji, auch Dogen Kigen oder Eihei Dogen genannt (13. Jh.), war der wohl bedeutendste Zenmeister Japans, der noch heute von allen buddhistischen Schulen wie ein Heiliger verehrt wird. Er ging im Jahre 1223 nach China. Dort erfuhr er unter dem Meister T’ien-t’ung Ju-ching eine tiefe Erleuchtung. Von ihm erhielt er das Siegel der Bestätigung in der Traditionslinie des Soto-Zen. Über seine Erleuchtung wird folgendes berichtet: Sein Meister Nyojo hatte die Worte geäussert: „Ihr müsst Leib und Seele fallen lassen!“ Später kam Dogen in den Raum des Meisters und entzündete dort ein Räucherstäbchen, wobei er sich vor dem Meister auf den Boden warf. Der Meister fragte ihn, warum er das Räucherstäbchen entzündet hatte, worauf ihm Dogen erwiderte: „Ich habe das Abfallen von Leib und Seele erlebt.“ Sein Meister rief aus: „Ihr habt Leib und Seele fallen lassen; Leib und Seele sind fürwahr abgefallen!“ Doch Dogen hielt ihm entgegen: „Möge der Roshi mir seine Bestätigung nicht so leichthin geben“, worauf ihm der Meister antwortete: „Ich bestätige Euch nicht so leichthin!“ Doch Dogen liess nicht locker und rief wiederum aus: „Zeige der Roshi mir, dass er mich nicht leichthin bestätigt.“ Der Meister wiederholte: „Dies heisst Leib und Seele fallen lassen“, indem er es demonstrierte. Dogen warf sich vor seinem Meister zu Boden zum Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit. Der Meister fügte noch hinzu: „Das heisst ‚Fallenlassen‘ fallengelassen.“

Dogen blieb auch nach seiner tiefen Erleuchtung weitere zwei Jahre in China, um sich weiter zu schulen. Im Jahre 1227 ging er nach Japan, wo er zunächst 10 Jahre in Kyoto lebte. Danach zog er sich in eine Einsiedelei in den Bergen zurück. Aus der Hütte, in der er gelebt hatte, entwickelte sich nach und nach das bedeutende Kloster Eihei-ji. Sein Hauptwerk Shobo-genzo gehört zu den tiefgründigsten Schriften der japanischen Zen-Literatur. Es gilt als das großartigste Werk der religiösen Literatur Japans.

Hakuin

Hakuin Zenji (17./18. Jh.) gilt als einer der bedeutendsten japanischen Zen-Meister der Rinzai-Schule. Die Rinzai-Linie hatte seit dem 14. Jahrhundert einen allmählichen Niedergang erlebt, doch Hakuin konnte ihr wieder neue Impulse verleihen. Das Zazen, das „Sitzen in Versunkenheit“, war inzwischen zu einer mehr intellektuellen Beschäftigung mit den Zen-Schriften herabgesunken. Hakuin reformierte die Rinzai-Schule und systematisierte die Schulung anhand von Koans.

Hakuin hatte bereits im Alter von 22 Jahren eine tiefe Erleuchtung beim Klang der Tempelglocke. Er rief aus: „Wunderbar, wunderbar. Es gibt keinen Kreislauf von Geburt und Tod, den man durchlaufen muss. Es gibt keine Erleuchtung, nach der man streben muss. Die 1700 Koans, aus alter Zeit überliefert, haben nicht den geringsten Wert!“ Er war so überwältigt von seiner Erfahrung, dass er meinte, sie wäre einzig auf der Welt. Stolz und Überheblichkeit erhoben sich in ihm. Er suchte Meister Dokyo Etan auf, um ihm von seiner Erfahrung zu berichten. Aber Dokyo durchschaute seinen Zustand und bestätigte seine Erfahrung nicht. Er nahm Hakuin in den folgenden Jahren in eine strenge Schulung und nannte ihn während dieser Zeit einen „armen höhlenbewohnenden Teufel“. Hakuin machte weitere Erleuchtungserfahrungen, die jedoch durch seinen Meister nicht bestätigt wurden. Dokyo erkannte die große Begabung Hakuins, wollte ihn jedoch zu einer immer tieferen Zen-Erfahrung antreiben. Hakuin erkannte erst Jahre nach dem Tode des Meisters dessen Dharma, gilt jedoch heute als sein Dharma-Nachfolger.

 

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