Zen-Praxis

Die Praxis des Zen

Ein Zenmeister des 11. Jahrhunderts, Yüan-wu, bringt das Wesen der Zen-Erfahrung auf den Punkt, indem er sagt

„Mach dich einfach innerlich leer und bring dich in Übereinstimmung mit dem Äusseren. Dann wirst du auch im hektischen Treiben der Welt in Frieden sein.“

Bambus - Sengai

Beim Zazen geht es nicht darum, dass wir die Gedanken, die uns ständig – meist unbewusst - durch den Kopf gehen, auszuschalten versuchen. Es geht einfach darum, dass wir unsere Gedanken bewusst betrachten, beobachten, und sie wie die Wolken am Himmel vorüberziehen lassen, indem wir uns nicht mit ihnen identifizieren. Darum geht es, wenn Zenmeister Yüan-wu vom Leerwerden spricht. Es geht um das Loslassen all unserer Vorstellungen, unserer Konditionierungen. Wir alle sind ja von unendlich vielen dualistischen Vorstellungen geprägt und merken es meist gar nicht. Dann sagen wir: „Dies ist so und so“, weil wir es eben so gelernt haben. Doch im Zen gelangen wir dahin, unsere vorgeprägten Vorstellungen loszulassen, weil sie uns daran hindern, die Wirklichkeit zu erkennen. Zen ist keine Religion, sondern das innerste Wesen jeder Religion. Deshalb bedeutet es für einen Zen-Ausübenden keinerlei Schwierigkeit, die Worte Jesu als wahr und wesenhaft anzuerkennen, wenn er z.B. sagt:

„Ihr werdet die Wahrheit (besser übersetzt: die Wirklichkeit) erkennen, und die Wirklichkeit wird euch frei machen!“ (Johannes 8,32).

Wer die Wirklichkeit erkennt, der wird wahrhaft frei. Wir alle sind zumeist daran gewöhnt, auf ein Ziel zuzusteuern, das irgendwo weit von uns in der Ferne liegt. Doch Zen will uns dahin führen, uns bewusst zu werden, dass wir dort, wo wir sind, im Hier und Jetzt, mittendrin in der Wirklichkeit sind. Dies wird in folgender Begebenheit zum Ausdruck gebracht:

Ein Mönch kommt zu Zen-Meister Joshu und sagt: „Meister, ich bin noch neu hier im Kloster und möchte euch bitten, mich zu unterweisen.“ Joshu fragt ihn: „Hast du schon gefrühstückt?“ Der Mönch antwortet: „Ja, Meister.“ „Gut“, erwidert Joshu, „dann geh und wasch deine Eßschalen.“

Tee Schale - Zen-Meister Hakuin

Joshu brachte damit dem Mönch gegenüber zum Ausdruck, dass er gerade dort, wo er sich befindet und bei welcher Tätigkeit auch immer, mittendrin in der einen Wirklichkeit steht. Der Mönch wird höchstwahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht begriffen haben, was ihm der Meister damit sagen wollte. So dient der Meister dem Schüler sozusagen als lebendiges Koan. Zur eigentlichen Bedeutung dieses Koans aber gelangt der Schüler nicht, indem er versucht, es mit seinem menschlichen Verstand zu lösen, sondern indem er zu einer Transzendierung seines Verstandes gelangt. Mit anderen Worten ausgedrückt: indem er seinen menschlichen Verstand übersteigt, wird er sich seines eigentlichen geistigen Wesens bewusst und gelangt damit zur alleinigen Wirklichkeit, die von jeher da ist.

Die Wirklichkeit liegt also gewissermaßen direkt unter unseren Füßen. Deshalb führt Zen-Meister Zensho W. Kopp aus:

„Aus dem Grund lege ich beim Kin-hin (dem Za-Zen im Gehen) immer besonderen Wert auf absolute Präsenz, wenn du deine Füße auf den Boden aufsetzt. Laufe wie ein Tiger im Dschungel, lautlos mit sicherem Schritt, den Schwerpunkt in den Unterleib verlagert. Sei voller Energie und Stabilität, und bleibe doch gelöst und entspannt. Nimm ganz bewusst die Berührung der Fußsohlen mit dem Boden wahr. Stirb hinein in jeden Schritt! Denke nicht an den vorausgegangenen und nicht an den nachfolgenden. Wesentlich ist nur dieser eine Schritt, jetzt-hier, und dann dieser Schritt, und dann dieser Schritt – und sonst nichts. Nur dies.“

Wenn wir Kin-hin in diesem Sinn, in voller Präsenz, ausüben, wird uns dies zu einer unschätzbaren Hilfe für unseren Weg überhaupt werden. Dann können wir die Wahrheit jener Worte Meister Zensho W. Kopps begreifen:

„Den Weg zu gehen bedeutet, sich auf die Wirklichkeit des Hier und Jetzt einzulassen. Denn da die Wirklichkeit die allumfassende Ganzheit ist, umfasst sie alle drei Zeiten – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in einem einzigen HO. Das ist das ‚Jetzt‘. Hier fällt alles in einem Punkt zusammen. Aus dem Grund sagt Joshu: ‚Geh, und wasch deine Eßschalen.‘ Mit anderen Worten: Steh hier nicht so nutzlos herum, und plappere nicht so dumm daher, sondern tu das, was die augenblickliche Situation erfordert. Dies ist weit besser als eine Diskussion auf falschen Begriffen aufzubauen, das heisst, gehirnakrobatische Verrenkungen zu fabrizieren und intellektuellen Sperrmüll aufzuhäufen. Denn alles begriffliche Denken ist eine irrtümliche Meinung, und das Nichtbezweifeln von Worten ist eine große Krankheit.“

Den Höhepunkt des Ablaufs in einem Zen-Kloster bzw. einer Zen-Gemeinschaft stellt das Sesshin dar, das in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird. Während eines Sesshins widmen sich die Praktizierenden der meditativen Versenkung. Nach einer unterschiedlich langen Periode des Sitzens in Versenkung, im Zazen, das 20 Minuten bis zu 50 Minuten dauern kann, folgt das meditative Gehen, Kin-hin, das dann wiederum vom Zazen abgelöst wird. Zu gegebener Zeit erfolgt eine längere Unterweisung durch den Meister.

In der Pause kann auf Wunsch des Schülers Dokusan genommen werden. Das jap. Wort Dokusan bedeutet: allein zu einem Höheren gehen. In dieser Zeit erhält der Schüler in einem extra Raum die Gelegenheit, dem Meister oder auch einem vom Meister beauftragten Zen-Lehrer Fragen zu stellen und seine Probleme vorzubringen. Die Antworten, die der Schüler erhält, dienen seiner inneren Klärung.

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